Jan 282002
 

Zeitzeuge: F. G. (Der Zeitzeuge möchte anonym bleiben)

Interviewer:: J. König
Datum: Dezember 2001/ Januar 2002

J.K: Herr G. darf ich sie fragen welcher Nationalität sie sind:
Herr G: Ich bin Italiener.

J.K: Welcher Jahrgang sind sie?
Herr G: Ich bin Jahrgang 1940

J.K: Woher kamen sie aus Italien?
Herr G: Aus einem kleinen Dorf in Kalabrien, ganz im Süden von Italien.

J.K: Wie war ihr Elternhaus?
Herr G: Meine Eltern waren sehr arm. Ich hatte noch 6 Geschwister. Meine Eltern und später nur meine Mutter, mein Vater starb als ich 5 Jahre alt war, hatten es immer sehr schwer uns alle satt zu bekommen. Und mußten selber auf alles verzichten damit es uns gut ging.

J.K: Hatten sie in Italien bereits einen Beruf?
Herr G: Nein. Auf dem Dorf in dem ich groß geworden bin gab es keine Möglichkeit einen Beruf zu erlernen. Alle arbeiteten nur auf den Feldern bei dem Padrone, hier sagt man wohl Großgrundbesitzer, dem alles, auch die Häuser in denen wir wohnten gehörte. Natürlich gab es auch Zeiten, wenn die Ernte schlecht war, wo keiner im Dorf Arbeit hatte. Dann war man eben arbeitslos. Aber Unterstützung wie hier in Deutschland gab es nicht. Ich habe zeitweise auch beim Häuserbau ausgeholfen. Zwei meiner älteren Brüder waren in einer Werkstatt für Landmaschinen, ca. 50 km von unserem Dorf, beschäftigt die uns dann in Notzeiten geholfen haben.

J.K: Wie haben sie von den Arbeitsmöglichkeiten in Deutschland erfahren?
Herr G: Das Gerücht, in Deutschland gäbe es Arbeit, gab es in unserem Dorf schon lange. Aber über die Möglichkeit nach Deutschland zu gehen erfuhren wir von der Arbeitsverwaltung in Italien 1956. Eine Kommission aus Deutschland wählte damals italienische Arbeitskräfte aus und diese wurden dann angeworben. Vorher gab es aber noch eine ärztliche Untersuchung. Da ich aber gerne Deutschland wollte habe ich vorher versucht etwas deutsch zu lernen. Ein Bruder meiner Mutter hat mir dabei sehr geholfen, der war im Krieg viel mit deutschen Soldaten zusammen. In meinem Antrag wurde dann als Beruf „Zementisto“ eingetragen und dadurch wurde ich dann als Bauhilfsarbeiter geführt.

J.K: Wann kamen sie nach Deutschland?
Herr G: Das war 1957

J.K: Wo haben sie in Deutschland gearbeitet?
Herr G: Meinen ersten Vertrag bekam ich als Hilfsarbeiter in einer mittleren Baufirma in Köln- Kalk. Die war in Kalk in einer Straße die, soweit ich mich erinnere an einer Straße die, ich glaube Mülheimer Straße hieß. Ich kenn mich an den Namen der Firma nicht mehr erinnern. In meinen Unterlagen ist das nicht mehr feststellbar. Denn nachdem die Firma später den Betrieb eingestellt hat stellte ich fest, für mich war nie Versicherung usw. bezahlt worden. Aber die Firma war weg.

J.K: Wo und wie haben sie gewohnt?
Herr G: Zunächst haben wir in einer Baracke gewohnt die auf dem Platz wo auch das Material gelagert war aufgestellt war. Wir wohnten, zwei Italienern zusammen. In der Baracke haben wir auch gekocht. Wir hatten eine Heizplatte mit zwei Kochstellen. Aber das war nicht das Problem denn wir haben sowieso nur Nudeln gekocht. Viel schlimmer war aber die Kälte. Besonders im ersten Winter, denn das waren wir ja überhaupt nicht gewohnt. Nach dem ersten Winter haben wir uns dann ein Zimmer besorgt in Mülheim. Das Zimmer war in einem noch nicht wieder aufgebauten Altbau. Es war nicht viel besser als die Baracke, aber wärmer war es darin.

J.K: Wie war das Verhältnis zu ihren Arbeitskollegen?
Herr G: Na ja, wenn ich heute daran zurückdenke. Besonders gut war es nicht ich glaube es war gut das ich, trotzdem ich ja etwas deutsch sprach nicht alles verstanden habe was die über uns sagten. Die schwierigsten und schmutzigsten Arbeiten mußten wir machen. Wenn so etwas anfiel hieß es direkt: „Itaker mach das mal“

J.K: Wie war das Verhalten der Öffentlichkeit den Ausländern gegenüber?
Herr G. Ich hatte kaum Gelegenheit das feststellen zu können. Wir haben jede Gelegenheit wahrgenommen um zu arbeiten, wenn wir dann abends zurück kamen und noch gekocht hatten waren wir müde. Aber von anderen weiß ich das Lokale gegeben hat in denen Ausländer nicht gerne gesehen waren und es dann auch oft Ärger gegeben hat.

J.K: Was haben sie in ihrer Freizeit gemacht?
Herr G: Ich sagte ja schon das wir kaum Freizeit hatten. Aber ich erinnere mich das der „Lieblingsort“ fast aller Italiener damals der Bahnhof war, dort trafen sich sehr viele. Ich glaube heute das es so war man sah die Züge die nach Rom usw. fuhren und fühlte sich dadurch der Heimat näher.

J.K: Hatten sie private Kontakte zu ihren Kollegen?
Herr G: Nein dazu ist es nie gekommen.

J.K: Später haben sie dann den Arbeitsplatz gewechselt, wann war das?
Herr G: Ja, ich habe dann in einigen Firmen immer als Hilfsarbeiter gearbeitet, bis ich dann, das war etwa 1964 mich im Krankenhaus als Hilfskraft bewarb und auch eingestellt wurde. Ich habe dort den Hof gekehrt, Material transportiert und fing dann an, da ich handwerklich nicht ganz unbegabt war auch kleinere Reparaturarbeiten auszuführen. Ich wurde dann den Haushandwerkern zugeteilt. Aber dort war es auch nicht viel anders als bei meinen bisherigen Stellen. Wenn etwa eine Toilette verstopft war wurde das nicht von dem zuständigen Handwerker erledigt sondern es hieß dann sofort: „Itaker“ geh mal dahin und mach das. Natürlich habe ich dann versucht mehr Geld zu verdienen. Das scheiterte aber immer daran daß ich keine Papiere hatte. Das was ich konnte und machte spielte keine Rolle.

J.K: Wie ging es dann weiter?
Herr G.: Alle Versuche zu einer Ausbildung als Maurer zu kommen scheiterten, weil es keinen Meister bei uns gab. Dann fand ich, dank ihrer Hilfe einen Bauunternehmer bei dem ich neben meiner Tätigkeit im Krankenhaus meine Ausbildung zum Maurer machen konnte. Sie haben mir dann sehr geholfen sowohl mit Fachbüchern mit Rat und Tat. Sie und ihr Kollege haben, auch in Ihrer Freizeit mit mir geübt und haben mich ganz schön ran genommen. Dadurch habe ich es geschafft innerhalb von zwei Jahren meinen Gesellenbrief als Maurer zu bekommen. Ab da bekam ich einen besseren Arbeitsvertrag und verdiente natürlich auch mehr. Nur eins hat sich dadurch nicht verändert das war das Verhältnis zu meinen Kollegen. Ich weiß nicht ob es Ausländerfeindlichkeit oder einfach Neid war. Es hat jedenfalls lange gedauert bis die Kollegen einsahen das der „Itaker“ nicht mehr nur für dreckige Arbeit da war.

J.K: Wollten sie jemals nach Italien zurück?
Herr G: Früher, als es mir oft schlecht ging, und ich Heimweh hatte habe ich an Rückkehr gedacht. Aber was sollte ich damals Italien? Hier hatte ich Arbeit, konnte meine Angehörigen unterstützen und dort wäre ich wieder arbeitslos gewesen. Später dann, meine Mutter lebte nicht mehr und die Geschwister waren in Italien verstreut oder auch in Deutschland kam eine Rückkehr nicht mehr in Frage. Heute bin ich mit einer deutschen Frau verheiratet, habe zwei Söhne die beide studiert, und gute Stellungen haben. Ich fühle heute mehr als Deutscher als Italiener.

J.K: Was würden sie heute einem Ausländer raten der nach Deutschland kommt? Was soll er als erstes machen?
Herr G: Als erstes sollte er die Sprache lernen. Denn das ist Voraussetzung dafür sich hier heimisch zu fühlen.

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